| JOSEF
FRANK sagte 1930 in einer Rede: „Man sagt immer,
dass frühere
Zeiten pathetisch waren. Es hat aber kaum eine
pathetischere Zeit gegeben
als die unsere. Jede Einfachheit, die
nicht mehr zu überbieten ist,
ist pathetisch, alles gleich machen zu
wollen, alles organisieren zu
wollen, um alle Menschen in eine
große gleichartige Masse hineinzuzwängen.“
ADOLF
LOOS sagte zum Thema „Ornament und
Verbrechen“1908
unter anderem: „Ich habe folgende
Erkenntnis gefunden und der
Welt geschenkt: Evolution der Kultur
ist gleich bedeutend mit dem Entfernen
des Ornamentes aus dem
Gebrauchsgegenstande. Ich glaubte damit neue Freude
in die Welt
zu bringen, sie hat es mir nicht gedankt.“
NEUES WIENER JOURNAL, 5. Juni 1932: „Siebzig
Häuser
wuchsen aus dem Boden, Zeichen einer neuen Zeit“
ANGEREGT durch die Weltausstellungen in
Stuttgart (1927),
Breslau (1929) und anlässlich der Wiener
Werkbundausstellung (1932) wurden Architekten aus dem
In-
und Ausland
eingeladen, um 70 Siedlungshäuser
zu bauen.
Viele der 32 Architekten hatten schon im Vorfeld miteinander
gearbeitet, waren Schüler oder deren Professoren. Josef
Frank wählte
sehr sorgsam seine Kollegen aus, um seinen
Gedanken von Wirtschaftlichkeit
auf kleinstem Raum zu
verwirklichen. Die Siedlungshäuser mit ihren
Mustereinrichtungen wurden der Öffentlichkeit zwei Monate
lang zugänglich
gemacht.
IM UNTERSCHIED zur Weissenhofsiedlung ging es Josef
Frank
nicht um neueste Baumethoden oder um einen neuen
Baustil. Er wollte
vielmehr
funktionelle
Lösungen.
URSPRÜNGLICH sollte die Werkbundsiedlung in der
Nähe des
Wasserturms
bei der Triesterstraße errichtet werden. Doch
Frank konnte dies verhindern,
denn Großanlagen wie der
George-Washington-Hof hätten eine Kleingartensiedlung
erdrückt.
UNZULÄNGLICH waren fast alle ursprünglich eingereichten
Baupläne,
sie wurden im Werkbundbüro überarbeitet und
1931 nachgereicht.
AUFLAGEN wie die Unterkellerung und die Verwendung von
Ziegelbauwerk wurden wegen der Feuchtigkeit des
Baugrundes vorgegeben.
Die Mitsprache
bei der Bauweise
wurde den zukünftigen Mietern untersagt.
ANGEFÄRBELT. Nur wenige Häuser wurden 1932
verkauft. Die
Häuser
standen jahrelang leer, sehr rasch bildeten sich
sichtbare Schäden.
Nach dem Einmarsch Hitlers wurden auf
Anweisungen des damaligen Bürgermeisters
Dr. Neubacher
die Fassaden einiger Häuser neu gestrichen,
ohne
Rücksichtnahme auf die Originalfarben. Es wurden auch
manche
Fenster vergittert und Geländer angebracht.
RENOVIERT. In den 80er Jahren des vergangenen
Jahrhunderts
wurden 56 der 70 Häuser von Architekt Prof. A.
Krischanitz mit
viel Liebe zum Detail renoviert. Leider hatte
er
keinen
Einfluss auf Häuser
die sich in Privatbesitz befinden.
Er dokumentierte seine Arbeit in dem
Buch [Die Wiener
Werkbundsiedlung • Dokumentation einer Erneuerung].
Dieses Buch ist leider vergriffen.
PERSÖNLICHES. Ich fand die Siedlungshäuser
bei meiner
ersten Begegnung hässlich und sehr bedrohlich. Die Häuser
von Lurcat (zweites Bild von oben) erzeugten sogar Furcht in
mir. Ein
Kerker, dachte
ich mit meinen nicht ganz fünf Jahren.
Kein Wunder, die Häuser
waren damals renovierungsbedürftig
und hatten Narben der Vergangenheit.
So vergaß ich diese
Siedlung wieder, unwichtig ... hässlich ... furchtereggend
...
Fasziniert von der Vielfalt, vom künstlerischen Flair der
elitären
Häuschen*... ... ein Kerker? Was muss ich anstellen,
um hier endlich
eingesperrt zu werden? Doch ich sollte nicht
zu den Auserwählten gehören,
ein Grund mehr für mich, eine Website zu gestalten - über
die fast vergessene
Wiener Werkbundsiedlung.
Charlotte Schlifelner _________________________________________________________
*Ich hatte
das Glück die Häuser kurz nach
der Renovierung
in den 80er Jahren zu sehen.
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